Als Handwerkerin mit jahrelanger Praxiserfahrung auf Baustellen habe ich schon zahlreiche Badezimmer aus den 1970er-Jahren in barrierefreie Räume verwandelt. Solche Wohnungen haben oft hohe Decken, stabile Betonbauten, aber auch typische Probleme wie erhöhte Duschtassen, schmale Türen und alte Estriche. In diesem Artikel erzähle ich dir Schritt für Schritt, wie ich eine barrierefreie Badrenovierung in einer 1970er-Wohnung plane, worauf ich bei der Tragschicht achte und welche Fördermöglichkeiten in der Schweiz du prüfen solltest.
Erste Bestandsaufnahme: was ich vor Ort prüfe
Bevor ich Werkzeuge auspacke, schaue ich mir das Bad genau an. Folgende Punkte gehören für mich zur Pflichtprüfung:
Türbreite und Türanschlag (mind. 90 cm Breite empfohlen für Rollstuhlnutzende).Deckenhöhe und Lage von Installations- und Entwässerungsleitungen.Untergrundaufbau: Betonplatte, Estrichart (Zement- oder Anhydritestrich), alte Fliesen, Dämm- oder Heizestrich.Tragschicht und mögliche Lasten: kann der Boden abgesenkt oder durchbrochen werden?Versorgungsleitungen für Wasser, Abwasser und Elektrik – Lage, Zustand, mögliche Anpassungen.Zugang zum Bad (Gänge, Treppen, Aufzug) für Baustelleneinbau.Diese Checkliste hilft mir, die Kosten grob abzuschätzen und mögliche Problemstellen früh zu erkennen – etwa, wenn der Estrich schadhaft ist oder die Abwasserleitung knapp unter der fertigen Bodenhöhe liegt.
Ablaufplanung einer barrierefreien Renovierung
Meine Renovierungsprojekte gliedere ich in überschaubare Phasen. Für ein Bad in einer 1970er-Wohnung sieht der Ablauf bei mir typischerweise so aus:
Planung & Bestandsaufnahme (inkl. Vermessung, Fotos, Austausch mit Kunde/Kundin).Entkernung: Fliesen entfernen, Sanitäranlagen demontieren, Estrich prüfen.Untergrundsanierung: Reparatur der Tragschicht, ggf. Einbringen eines neuen Estrichs oder einer abgehängten Aufbaukonstruktion.Installation: neue Abwasserführung, Wasserleitungen, Elektroinstallationen und, falls gewünscht, Bodenheizung.Abdichtung & Prüfung: vollflächige Abdichtung nach SIA-Normen, Dichtheitsprüfung der Leitungen.Endbelag & Montage: rutschfeste Bodenbeläge, barrierefreie Dusche, Haltegriffe, WC, Waschtisch.Ich plane Puffer für unvorhergesehene Befunde ein – besonders bei Altbauten ist das wichtig: Unter dem Estrich verstecken sich oft überraschende Schäden oder zusätzliche Schichten.
Tragschicht (Bodenaufbau): worauf ich besonders achte
In 1970er-Wohnungen ist die Tragschicht meist eine Betonplatte mit Estrich darüber. Für barrierefreie Duschen ohne Duschwanne oder für bodengleiche Lösungen ist die Höhe der Tragschicht entscheidend. Wichtige Aspekte sind:
Höhe der Abwasserleitung: Ist genug Fallhöhe vorhanden, damit ein Balkenrinnenablauf oder ein Linienablauf eingesetzt werden kann?Estrichart: Anhydritestriche reagieren empfindlicher auf Wasser und sind oft nicht geeignet für Nassbereiche ohne zusätzliche Abdichtung. Zementestrich ist robuster.Lasten und Aufbauhöhe: Werden Fliesen auf Fliesen gelegt oder wird ein neuer Aufbau mit Dämmung und Fussbodenheizung benötigt? Eine aufgelegte Konstruktion (Trockenestrichplatten) kann Bodenhöhe erhöhen – das kann problematisch für Türschwellen sein.Heiz- und Dämmkonzept: Falls du eine Fussbodenheizung wünschst, brauchst du meist eine zusätzliche Aufbauhöhe (bei Niedertemperatursystemen weniger), was in Kombination mit barrierefreiem Übergang zu angrenzenden Räumen geplant werden muss.Praktischer Tipp: Wenn die Abwasserleitung zu hoch liegt, plane frühzeitig mit dem Klempner die Möglichkeit einer Rigolen- oder Hebeanlage. Das vermeidet später teure Abbrucharbeiten am Tragboden.
Dusche, Bodenablauf und Gefälle
Bodengleiche Duschen sind das Herzstück barrierefreier Bäder. Für mich ist wichtig:
Ausreichendes Gefälle (mind. 1–2%) zur Ablaufstelle – das kann direkt im Estrich eingebracht oder über eine Gefälle-Schüttung hergestellt werden.Passende Ablaufart: Punktablauf, Linienablauf oder Rinnenentwässerung. Linienabläufe (z. B. von Geberit oder Duscholux) sind ideal für grossflächige Duschen und lassen sich gut in schlanke Bodenaufbauten integrieren.Abdichtung nach Norm: Ich verwende Systeme, die eine sichere Anschlussdichtheit an Wand und Boden garantieren (z. B. Verbundabdichtungen von PCI oder Murexin) und teste die Dichtheit vor dem Verlegen der Fliesen.Sanitäre Ausstattung und ergonomische Details
Für die eigentliche Nutzbarkeit achte ich auf folgende Standards:
Türbreite mindestens 90 cm, besser 100 cm. Schiebetüren sparen Platz.WC-Höhe 48–52 cm (comfort height) und freigestelltes WC für einfachere Seitenzugänglichkeit.Waschtisch in höhenverstellbarer Variante oder tiefenreduziert für Rollstuhlnutzende.Haltegriffe an WC, Dusche und ggf. an der Badewanne, montiert in Statik geeigneter Wand (Verstärkung in der Wand oder Halteanker verwenden).Rutschhemmende Bodenbeläge (R9–R11), matte Oberflächen reduzieren Blendungen.Fördermöglichkeiten in der Schweiz
In der Schweiz gibt es verschiedene Wege, eine barrierefreie Renovation finanziell zu unterstützen. Ich prüfe immer mehrere Optionen, weil Kombinationsmöglichkeiten oft möglich sind:
| Fördergeber | Was gefördert wird | Hinweis |
| Kantonale Förderprogramme | Beitrag zu Umbaukosten, energetischen Massnahmen | Unterschiedlich je Kanton; Antragstellung vor Baubeginn prüfen |
| Gemeinden / Sozialämter | Teilfinanzierung bei medizinischer Notwendigkeit | Meist individuelle Prüfung, oft mit ärztlichem Attest |
| IV (Invalidenversicherung) | Hilfsmittel- und Wohnungsanpassungen | Bei Einschränkungen der Mobilität möglich |
| Pro Infirmis / Stiftungen | Kleinere Zuschüsse, Beratung | Gut für ergänzende Hilfsmittel |
Wichtig: Viele Fördermittel verlangen, dass die Massnahmen vor Baubeginn angemeldet werden. Ich rate dazu, frühzeitig Kontakt zu Kanton oder Gemeinde aufzunehmen und genaue Kostenschätzungen vorzulegen.
Praktische Tipps aus der Baustelle
Aus Erfahrung gebe ich dir diese pragmatischen Hinweise:
Fotos und Massskizzen vom bestehenden Aufbau helfen bei Rückfragen mit Sanitärinstallateur und Bauamt.Wenn du Haltegriffe planst: Verstärkungen in der Wand einbauen (z. B. Unterkonstruktion hinter Putz oder Hohlraumanker für Trockenbau) – das erspart spätere Nachrüstungen.Wähle modulare, vorgefertigte Duschboards (z. B. von Schluter oder wedi) wenn du Zeit sparen willst – sie vereinfachen Gefälle und Abdichtung.Kommunikation mit der Hausverwaltung ist zentral, besonders in Mehrparteienhäusern aus den 1970er-Jahren: Abwasser- oder Lüftungsänderungen können das Einverständnis erfordern.Plane den barrierefreien Übergang in angrenzende Räume mit: ein 2–3 cm Schwellenprofil ist oft akzeptabler als eine erhöhte Estrichkante.Wenn du möchtest, kann ich dir helfen, eine erste Materialliste oder eine grobe Kostenschätzung für dein konkretes Bad zu erstellen – schick mir dazu am besten Fotos und Maße, dann schaue ich mir das an und gebe praktische Empfehlungen zu Aufbau, Abdichtung und möglichen Förderstellen.